Nutria - Der neue Sündenbock in Niedersachsen

Nutria

Anlass dieses Blogartikels ist das in letzter Zeit auffallend vermehrte Bashing gegen die Nutrias seitens lokaler Presse und Sender.

Vielleicht ist es daher an der Zeit hier einmal die Sachlage zu klären, am Beispiel des letzten Beitrags im NDR / Hallo Niedersachsen vom 27.11.2016, mit dem spektakulären Titel

" Nutria- Plage : Eine Gefahr für Deiche und Dämme "

 

Die Vermehrung der Nutrias


Vorweg ist zu sagen, dass  Nutrias eine für Nagetiere untypisch lange Tragzeit von 128-132 Tagen haben. Somit liegt die Anzahl der Würfe pro Jahr bei theoretischen 2,7, also in der Regel 2 mal pro Jahr und nicht 3.
Die durchschnittliche Anzahl Junge pro Wurf liegt bei 2 - 5. Dabei ist die Sterblichkeitsrate der Jungtiere sehr hoch und nur 20 % der Jungtiere erreichen überhaupt das erste Lebensjahr.
Insofern relativiert sich auch die " schön " genannte und für manchen bedrohlich wirkende Zahl von 16.000 Nachkommen eines Nutriapäarchen innerhalb von 3 Jahren.
Die generelle Lebenserwartung freilebender Nutrias liegt auch nur bei 3 Jahren.
So kann man sich das nun theoretisch ausrechnen oder einfach zur Kenntnis nehmen, dass die genannte Zahl doch recht wenig mit der Realität zu tun hat.

Was lässt die Bestände " explodieren " ?


Grundsätzlich ist es so, dass die Vermehrung auf Grundlage der Umweltressourcen geschieht. Das heißt  z.B. Nahrungs und Platzangebot.
Ist zu wenig Platz und/ oder Nahrung vorhanden drosseln die Nutrias mit ihrer eigenen Geburtenkontrolle die Bestände selber, über u.a. Aborte/ Resorption der Föten.
Allerdings können sie, wie viele andere Tiere, auch in die andere " Richtung " reagieren, zum Schutz/ Erhaltung ihrer Art ( was seit 30 MIO Jahren bei ihnen funktioniert ).
Erleidet also ein Bestand hohe Verluste, wird dies sofort durch höhere Anzahl Jungtiere pro Wurf, zusätzliche Würfe oder Frühreife der Jungtiere ausgeglichen.
 
Genau deswegen ist bei diesen Tieren eine Bejagung kontraproduktiv, will man den Bestand reduzieren.
Auch wird durch die Bejagung eine Verbreitung in angrenzende Gebiete gefördert ( die Tiere flüchten in vermeintlich sicherere Regionen ) und oft werden dann so auch neue Höhlen gesucht oder vorhandene tiefer gegraben.
 
Das Bejagungen sinnlos sind, zu diesem Ergebnis kam man im Übrigen auch bei der letzen Nutria Konferenz ( 2015 )  in Italien, die dort regelmäßig, mindestens jährlich, stattfinden.
 
Das Argument des Klimawandels mit wärmeren Winter ist nur bedingt gültig, da auch sehr viele Tiere bei den durch vermehrt auftretenden Starkregenfälle verursachten Hochwassern ertrinken. Eine Tatsache, die zwar etwas verwunderlich wirkt, aber Nutrias können nur 5 Minuten tauchen und viele , v.a. Jungtiere, ertrinken in ihren Höhlen oder der Strömung.
nutria

Weiterer Nachteil der Bejagung - die Bisambestände


Wie in dem Beitrag zu sehen, gibt es in Niedersachsen nicht nur Nutrias.
Es mag zwar aufgrund der Berichterstattung oft so scheinen, weil es fast regelmäßig " verschwiegen " wird , doch gibt es dort jede Menge Bisame, meist bekannt unter dem Namen Bisamratten.
Um das einmal zu verdeutlichen:
Die Fangzahlen der Bisame liegen jährlich bei rund 150.000 ( Quelle Wildtiermangement.com ) während die Nutrias mit 4.500 vertreten sind ( Quelle LWK Niedersachsen für das Jahr 2014 ).
Also die 33 fache Menge an Tieren !
Der Bisam wurde in den vergangenen Jahrzehnten massiv bejagt, da man ihm große Schädlichkeit nachsagte. Er gräbt oft ein weitverzweigtes Höhlensystem, deren Eingang unterhalb der Wasserlinie liegt.
Nutrias dagegen haben ihren Eingang stets oberhalb der Linie, nutzen in der Regel nur einfache Röhren, die meist nur einen  Meter Länge haben. Je nach örtlichen Gegebenheiten flechten sie auch Nester aus Schilf.
Als gemütliche Tiere ziehen sie es vor, bereits vorhandene Höhlen oder Röhren zu nutzen, weswegen sie bereits auch extra zur Bisambekämpfung eingesetzt wurden.
In der Tat ist es in der Praxis so, dass dort, wo Nutrias auftauchen, der Bisam vertrieben wird bzw. die Bisambestände sinken.
Werden also Nutriabestände reduziert,  profitiert wiederum der Bisam, der im Übrigen besser als die Nutrias an unser Klima angepasst ist und von Haus aus die besseren Überlebenschancen hier bei uns hat.

Die Fehler der Vergangenheit - Beispiel Bisam


Und das beste Beispiel, dass eine Bejagung nicht wirklich funktioniert, ist der Bisam, denn auch er reagiert eben auf Bejagung mit einer erhöhten Reproduktionsrate.

Zitat " Bei Versuchen im Emsland konnte nachgewiesen werden, dass die Verfolgung und der Fang von Bisam keine Dichte korrigierende Wirkung zeigt " ( D.Scheide )

 

Genauso wie bei den Nutrias

Zitat "It should be noted that, apart from small isolated populations, the effects of control at a population level are usually very limited, as a consequence of the immigration and of the capability of the coypu to increase its productivity when density decreases." ( Cocchi/ Riga )

 

Also will man hier die gleiche erfolglose Strategie anwenden wie zuvor beim Bisam ?

Und die Frage ist ja auch nach wie vor, sind überhaupt die Tiere an den Uferschäden Schuld ?

 

Warum nehmen Schäden an Ufern zu ?


Ein schlicht nicht abzustreitender Punkt ist der Klimawandel.
Nie zuvor hat es in Deutschland solche Regenmassen innerhalb kürzester Zeit gegeben. Dies bestätigen Experten und prognostizieren auch künftig dieses Phänomen bzw. sogar eine Verstärkung.

Ein weiterer Punkt sind die fehlenden Gewässerrandstreifen.
In den vergangenen 10-15 Jahren hat sich die Landwirtschaft sehr intensiviert. Felder werden nun bis unmittelbar an den Gewässerrand bewirtschaftet, befahren und gedüngt. 

Die Folgen : Unstabile Ufer, Artensterben , Nährstoffeinträge in Gewässer ( Niedersachsen ist da ja bundesweiter Spitzenreiter der Nitratbelastung ) und Hochwasser.
Denn auffällig ist, dass Uferschäden und Überschwemmungen auch dort stattfinden, wo niemals ein Nutria gelebt hat.
Schäden entstehen vor allem an künstliche Ufern mit Gefälle, fehlender oder falscher Vegetation und begradigten Stellen.
Mehr dazu auch hier " Ursachen für Schäden im Uferbereich
 

EU-Liste invasive Arten


Gerne wird nun immer wieder das Argument aufgeführt, die Nutrias stünden ja auf der Liste der invasive Arten ( übrigens zu Unrecht ) und sollten demnach auch massiv bekämpft werden.

Dies ist aber nicht das, was die Liste besagt.

Die Nutrias sind aufgeführt in der sogenannten Managementliste. Dazu steht folgendes :


" Maßnahmen zu diesen Arten sind in der Regel nur lokal sinnvoll und sollten darauf abzielen, den negativen Einfluss z.B. auf besonders schützenswerte Arten, Lebensräume oder Gebiete zu minimieren . "


Also längst nicht der von Einigen so gewünschte Freibrief zum Abschuss.

 

Siehe auch frühere Blogartikel

Aktion gegen die Listung der Nutrias als invasive Art auf www.nutriaktiv.de

 

In NRW nicht auf der Liste der jagbaren Arten


Die Nutrias unterliegen in NRW nicht dem Jagdrecht. Es bedarf normalerweise einer besonderen Genehmigung diese Tiere töten zu dürfen, wenn sie extreme Schäden verursachen, welche nicht unblutig mit anderen Massnahmen verhindert werden können.
Allerdings ist auch hier eine große Diskrepanz zwischen dem,  was rechtlich vorgeschrieben ist und dem,  was in der Praxis durchgeführt wird.
Die Realität sieht leider so aus, dass oft nicht überprüft wird, ob Schäden vorhanden bzw. diese auch tatsächlich durch Nutrias entstanden sind.
Stattdessen scheint auch in NRW für einige das Nutria das neue Ersatzwild zu sein, das man mangels Fasan, Rebhuhn und Co. nun schiessen kann.
Und wie überall auf der Welt, auch hier sind die Bestandszahlen gestiegen seitdem so viel bejagt wird.
Jedoch hat man in NRW inzwischen vielerorts zu anderen Massnahmen gegriffen, wie Deichrückverlegungen und Renaturierung von Gewässerabschnitten.
Vielleicht sollte man sich lieber dies als Beispiel nehmen.

Besser eine nachhaltige Lösung für alle


Die Forderung an die Politik sollte also besser lauten, endlich die bereits seit längerer Zeit von ihnen geforderten Gewässerrandstreifen gegenüber der Agrarlobby durchzusetzen.
Der Nutzen dieser Randstreifen wurde bereits in der TEEB Studie belegt.

 

Nicht nur dass man weniger Probleme mit Uferschäden und einen besseren Hochwasserschutz hätte, sondern es wäre auch ein Gewinn für den Artenschutz ( incl. Nutria und Bisam ) und was für Niedersachsen doch so wichtig wäre, weniger Nährstoffeinträge in die Gewässer.

 

Zitat: " Somit sind in Bezug auf Nitrat für 59 Prozent der niedersächsischen Landesfläche die GWK als im schlechten Zustand gemeldet worden....müssen Bemühungen zur Verringerung diffuser Nitrateinträge in weiten Teilen Niedersachsens weiter intensiviert werden "

( Quelle Niedersächsisches Ministerium für Umwelt,Energie und Klimaschutz )

 

Damit ist Niedersachsen bei den Bundesländer, wie schon erwähnt, leider auch mit trauriger Spitzenreiter.

Kosten für diese Verschmutzung bzw. die EU-Klage zahlen dann wieder einmal die Steuerzahler, die zuvor schon die Subventionen für die Landwirtschaft mitgetragen haben.

 

Also warum nicht mal sinnvolle, der Zeit und den Umständen angemessene Maßnahmen ergreifen, statt stur und sinnlos einer weiteren Tierart hinterherzujagen, welches nur unnötig Kosten, Leid und weitere Schäden zu verursacht, nicht aber die Probleme behebt.

" Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun

und andere Ergebnisse zu erwarten. "

Albert Einstein

Also besser auf "zu neuen Ufern" bzw. Gewässerrandstreifen und alle , Mensch & Tier, können davon profitieren...


Quellen / Verweise :

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